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Hintergrund: Warum die Anzahl iranischer Raketen weniger wichtig ist, als viele Medien suggerieren
#obiWISSEN
In vielen Medien wird regelmäßig darüber spekuliert, wie viele Raketen der Iran besitzt. Sind es 2.000, 2.500 oder vielleicht sogar 3.000?
Die Zahl wirkt beeindruckend – ist militärisch aber nur begrenzt aussagekräftig. Denn die reine Anzahl an Raketen sagt wenig über die tatsächliche Einsatzfähigkeit aus. Entscheidend ist ein klassischer militärischer Flaschenhals: die Startmöglichkeiten.
Eine grundlegende Realität moderner Kriegsführung lautet: Raketen müssen gestartet werden können. Dafür braucht es Raketenwerfer oder stationäre Startanlagen – und genau diese bilden die eigentliche Begrenzung.
Ballistische Raketen sind zudem keine handlichen Systeme. Die iranische Shahab-3 ist etwa rund 16 Meter lang. Solche Waffen benötigen massive Startplattformen und komplexe Logistik. Sie steigen zunächst steil in die Atmosphäre auf und kehren dann auf einer ballistischen Flugbahn mit hoher Geschwindigkeit zur Erde zurück. In der dünneren Atmosphäre wird der Luftwiderstand geringer, was Treibstoff spart.
Der Iran verfügt bislang hauptsächlich über Mittelstreckenraketen mit Reichweiten von etwa 2.000 bis 2.500 Kilometern. Technisch betrachtet liegt das unterhalb der Schwelle zu echten Langstreckenraketen (über 5.000 km). Dass der Iran diese Fähigkeit erreichen könnte, gilt allerdings als wahrscheinlich.
Der entscheidende Punkt bleibt jedoch: Raketen müssen transportiert und gestartet werden. Mobile Startfahrzeuge transportieren die Raketen, richten sie auf, starten diese und verlassen anschließend möglichst schnell den Startort. Diese Fahrzeuge sind groß, komplex und vergleichsweise leicht aufzuspüren.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem der iranischen Streitkräfte. In den vergangenen Jahrzehnten investierte Teheran stark in Raketenprogramme – auf Kosten anderer Teilstreitkräfte. Besonders Marinefähigkeiten und moderne Luftverteidigungssysteme blieben vergleichsweise schwach.
Für Staaten wie die USA oder Israel ist der Start einer ballistischen Rakete meist frühzeitig erkennbar – durch Satelliten, Radar oder Aufklärungsflugzeuge. Die Konsequenz: Raketenwerfer werden schnell zu primären Zielen. Mobile Starter können daher oft bereits vor oder kurz nach einem Abschuss angegriffen werden. Mit jedem zerstörten Fahrzeug sinkt die tatsächliche Startkapazität des Iran.
Schätzungen gehen davon aus, dass der Iran ursprünglich etwa 150 bis 250 mobile Starter für Kurz- und Mittelstreckenraketen (SRBM/MRBM) besaß. Laut israelischen Angaben könnten bereits rund 60 Prozent davon zerstört worden sein. Zusätzlich existieren vermutlich bis zu 50 stationäre Startanlagen, die aufgrund ihrer festen Position noch leichter angreifbar sind.
Selbst die verbleibenden Systeme können Raketen nicht beliebig schnell abfeuern. Das Verladen, Aufrichten und Programmieren einer ballistischen Rakete ist technisch aufwendig – besonders unter Bedingungen, in denen gegnerische Luftstreitkräfte den Luftraum weitgehend kontrollieren.
Ältere iranische Raketen benötigen teilweise mehrere Stunden Vorbereitung, modernere Systeme immerhin noch rund 30 Minuten. In dieser Zeit sind Startfahrzeuge besonders verwundbar.
Ein weiterer Punkt wird oft übersehen: Ein Raketenwerfer kann nicht unendlich viele Raketen nacheinander starten. Nach einem Abschuss muss ein Fahrzeug (häufig) neu beladen werden – was zusätzliche Transportfahrzeuge, Personal und Zeit erfordert. Auch diese Logistik kann angegriffen werden.
Das bedeutet: Selbst wenn tausende Raketen vorhanden sind, kann der Iran sie nicht gleichzeitig einsetzen. Entscheidend ist immer, wie viele Raketen innerhalb kurzer Zeit tatsächlich gestartet werden können.
Das spielt besonders bei modernen Luftverteidigungssystemen eine Rolle. Diese versuchen, solche Angriffe abzufangen. Um sie zu überwinden, setzen Angreifer auf sogenannte Sättigungsangriffe, bei denen viele Raketen gleichzeitig gestartet werden. Doch genau dafür braucht man genügend funktionsfähige Starter – nicht nur ein großes Arsenal im Lager.
Normalerweise versuchen mobile Einheiten daher, in urbanen Gebieten oder in für fremde Kräfte schwer zugänglichem Gelände zu operieren, den Abschuss durchzuführen und sich anschließend schnell zu verlegen. Doch sobald ein Start erkannt wird, werden die entsprechenden Systeme zu unmittelbaren Angriffszielen.
Die israelischen Streitkräfte veröffentlichen regelmäßig Aufnahmen zerstörter Startfahrzeuge. Während Drohnen und einfache Raketen vergleichsweise schnell nachproduziert werden können, gilt das für komplexe Startsysteme nur eingeschränkt – insbesondere wenn Produktionsanlagen ebenfalls Ziel von Angriffen sind.
Zwar setzen Streitkräfte auch auf Täuschung, etwa durch Attrappen oder versteckte Startplätze. Solche Maßnahmen können gegnerische Aufklärung zeitweise erschweren. Am grundsätzlichen Problem des Flaschenhalses ändern sie jedoch wenig.
Deshalb verfolgen moderne Streitkräfte eine klare Zielpriorisierung: Zuerst werden Luftabwehr und Radarsysteme ausgeschaltet, um den Luftraum zu öffnen. Danach geraten Raketenstellungen und Startsysteme ins Visier.
Der entscheidende Punkt wird damit deutlich: Die Anzahl der Raketen allein sagt wenig über die tatsächliche militärische Schlagkraft aus.
Selbst ein riesiges Arsenal wäre wertlos, wenn es nicht ausreichend Startsysteme gibt. Ohne Raketenwerfer wären selbst eine Million ballistische Raketen letztlich nichts weiter als ein großer Haufen ungenutzter Hardware.
Die Fixierung auf möglichst große Zahlen erzeugt vorwiegend Aufmerksamkeit – erklärt aber kaum, wie militärische Fähigkeiten tatsächlich funktionieren. |