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Deutschland ist erstmals mit seiner Kandidatur für den UN-Sicherheitsrat gescheitert. Kaum war das Ergebnis bekannt, überschlugen sich Kommentatoren und Medien mit Interpretationen. Besonders beliebt: Die Nichtwahl sei eine Quittung für die deutsche Israel-Politik.
Doch wer die Strukturen der Vereinten Nationen kennt, sollte mit solchen Schlussfolgerungen vorsichtig sein.
Die UN ist kein demokratisches Weltparlament
Zunächst muss man sich vergegenwärtigen, was die UN überhaupt ist – und was sie nicht ist. Die Organisation ist kein demokratisches Weltparlament. Sie ist keine globale Volksvertretung. Sie ist auch keine Gemeinschaft demokratischer Staaten, die auf Grundlage gemeinsamer Werte handelt.
Die UN ist ein Zusammenschluss von 193 Staaten mit völlig unterschiedlichen politischen Systemen, Interessen und Weltbildern. Demokratische Rechtsstaaten sitzen dort ebenso am Tisch wie Diktaturen, Militärregime und Staaten, die grundlegende Menschenrechte systematisch verletzen.
Nach dem Democracy Index gelten aktuell lediglich 26 der 193 Mitgliedstaaten als vollständige Demokratien. Das entspricht rund 13 Prozent der gesamten UN-Mitgliedschaft. Selbst unter Einbeziehung der als „unvollständige Demokratien“ eingestuften Staaten bleibt die Zahl demokratischer Systeme deutlich unter der Hälfte der UN-Mitglieder. Die Mehrheit der Mitgliedsländer wird dagegen als hybride oder autoritäre Herrschaftsform eingestuft.
Die UN ist damit kein Bündnis demokratischer Staaten. Demokratische Rechtsstaaten stellen innerhalb der Organisation vielmehr die Minderheit.
Allein deshalb sollte man vorsichtig sein, wenn von einer angeblichen „Abstrafung Deutschlands durch die Weltgemeinschaft“ gesprochen wird. Wer ist diese Weltgemeinschaft eigentlich? Sind damit die liberalen Demokratien gemeint? Oder ebenso autoritäre Regime, die Oppositionelle einsperren, Minderheiten verfolgen oder freie Wahlen verhindern?
Diese Frage wird erstaunlich selten gestellt.
Der Sicherheitsrat: Macht bei den Vetomächten
Besonders deutlich wird die Problematik beim Sicherheitsrat selbst. Der Sicherheitsrat ist das einzige Organ der Vereinten Nationen, das rechtsverbindliche Beschlüsse fassen kann. Er kann Sanktionen beschließen, Friedensmissionen mandatieren oder militärische Maßnahmen legitimieren.
Gleichzeitig ist er ein Relikt der Machtverhältnisse des Jahres 1945.
Dort sitzen 15 Staaten. Die fünf ständigen Mitglieder – die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien – verfügen über ein Vetorecht. Jedes einzelne dieser Länder kann jede Entscheidung blockieren.
Die übrigen zehn Mitglieder werden jeweils für zwei Jahre gewählt. Jedes Jahr werden fünf der zehn nichtständigen Sitze neu besetzt. Ihre Einflussmöglichkeiten enden jedoch dort, wo eine Vetomacht widerspricht.
Die Folge ist ein strukturelles Problem: Der Sicherheitsrat kann handeln, wenn die Interessen der Vetomächte übereinstimmen. Sobald diese Interessen auseinandergehen, wird er regelmäßig handlungsunfähig.
Man muss nur auf die vergangenen Jahre blicken. Russland blockiert Resolutionen zu seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die USA legen regelmäßig ihr Veto bei Resolutionen mit Israel-Bezug ein. China und Russland verhindern immer wieder Vorhaben, die ihren geopolitischen Interessen widersprechen.
Die entscheidende Macht liegt deshalb bei den fünf Vetomächten.
Vor diesem Hintergrund erscheint die öffentliche Debatte über die deutsche Nichtwahl stellenweise erstaunlich überhöht. Deutschland hat keinen Platz in einem Gremium erhalten, dessen zentrale Entscheidungen ohnehin von fünf Staaten kontrolliert werden.
Natürlich wäre ein Sitz diplomatisch prestigeträchtig gewesen. Aber die Vorstellung, Deutschland habe dadurch nun entscheidenden Einfluss auf die Weltpolitik verloren, hält einer nüchternen Betrachtung kaum stand.
Die These von der Abstrafung Deutschlands
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Wahl erfolgt geheim.
Niemand weiß, welcher Staat wie abgestimmt hat. Niemand weiß, welche Motive letztlich ausschlaggebend waren. Niemand kann seriös belegen, ob die deutsche Israel-Politik, die Unterstützung der Ukraine, wirtschaftliche Interessen, regionale Absprachen oder völlig andere Faktoren den Ausschlag gegeben haben.
Wer heute behauptet, Deutschlands Scheitern sei eindeutig auf seine Haltung zu Israel zurückzuführen, bewegt sich daher eher im Bereich der Spekulation als der belastbaren Analyse.
Besonders deutlich wurde dies in Kommentaren, die Deutschlands Rolle als angeblichen „Anwalt des Völkerrechts“ infrage stellen. Deutschland habe zu Gaza geschwiegen, heißt es. Deutschland habe sich zu israelischen Militäroperationen nicht klar genug positioniert. Deshalb hätten andere Staaten ihre Unterstützung verweigert.
Doch auch hier stellt sich eine naheliegende Frage:
Welche Staaten sollen das gewesen sein? Staaten wie Russland, China, Iran, Syrien oder Nordkorea? Oder andere Länder, die selbst regelmäßig wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert werden?
Die Frage ist keineswegs polemisch. Sie ist zentral für die Einordnung des Wahlergebnisses.
Denn wer die Zustimmung oder Ablehnung bestimmter Staaten als politisches oder gar moralisches Urteil interpretiert, muss auch hinterfragen, wer diese Staaten sind und welche Interessen sie verfolgen.
Was sagt die UN überhaupt aus?
Dabei lohnt ein Blick auf andere Institutionen innerhalb der Vereinten Nationen.
So bestimmte der UN-Menschenrechtsrat den Iran zum Vorsitzenden seines Sozialforums, das am 2. und 3. November 2023 in Genf stattfand. Ein Regime also, das wegen politischer Verfolgung, der Unterdrückung von Frauen, massiver Einschränkungen der Pressefreiheit und zahlreicher Hinrichtungen seit Jahren international kritisiert wird.
Man muss sich die Widersprüchlichkeit dieser Konstellation vor Augen führen: Ein Staat, dem Menschenrechtsorganisationen regelmäßig schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen vorwerfen, übernimmt die Leitung einer Veranstaltung innerhalb der Menschenrechtsarchitektur der Vereinten Nationen.
Das bedeutet nicht, dass die UN insgesamt ohne Wert wäre.
Es zeigt jedoch, dass Entscheidungen und Personalien innerhalb der Organisation keineswegs automatisch als moralisches Gütesiegel verstanden werden können.
Genau deshalb sollte man auch Wahlergebnisse innerhalb der UN nicht vorschnell als moralische Bewertung einzelner Staaten interpretieren.
Wer Deutschlands Nichtwahl als Beleg dafür wertet, dass Berlin international isoliert sei oder wegen seiner Israel-Politik abgestraft wurde, muss erklären, warum dieselbe Organisation gleichzeitig Regimen wie dem Iran eine herausgehobene Rolle innerhalb ihrer Menschenrechtsarchitektur überträgt.
Eine andere Erklärung
Hinzu kommt ein weiteres Argument gegen die These einer Abstrafung wegen der Israel-Politik:
Österreich wurde gewählt.
Die österreichische Außenpolitik unterscheidet sich in ihrer grundsätzlichen Haltung gegenüber Israel nicht so grundlegend von der deutschen, dass sich daraus eine schlüssige Erklärung für die unterschiedlichen Wahlergebnisse ableiten ließe.
Offenbar spielten bei der Wahl weitere Faktoren eine Rolle als allein die Haltung zum Nahostkonflikt.
Ebenso denkbar ist eine andere Erklärung.
Deutschland gehört zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg. Deutschland unterstützt Sanktionen gegen Russland. Deutschland steht an der Seite Israels gegen Hamas, Hisbollah und andere terroristische Organisationen.
Es wäre naiv anzunehmen, dass all dies weltweit auf Zustimmung stößt.
Gerade innerhalb der Vereinten Nationen existiert eine Vielzahl von Staaten, die Russland politisch nahestehen, antiwestliche Positionen vertreten oder den Westen grundsätzlich als geopolitischen Gegner betrachten.
Wenn Deutschlands Nichtwahl tatsächlich politische Gründe hatte, könnte sie ebenso gut Ausdruck dieser Konfliktlinien sein.
Das Ergebnis wäre dann nicht zwangsläufig eine Niederlage Deutschlands, sondern vielmehr ein Hinweis auf die politischen Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Vereinten Nationen selbst.
Reformbedürftig, aber unverzichtbar
Interessanter als die Frage, warum Deutschland keinen Sitz im Sicherheitsrat erhalten hat, ist daher eine andere:
Warum werden Wahlergebnisse innerhalb der Vereinten Nationen so häufig als moralische Urteile missverstanden?
Immer wieder wird so getan, als spreche die Weltgemeinschaft mit einer Stimme. Tatsächlich sprechen innerhalb der Vereinten Nationen Demokratien, Autokratien, Diktaturen, Monarchien und Einparteienstaaten gleichermaßen. Die Stimme einer liberalen Demokratie zählt dabei nicht mehr als die eines autoritären Regimes.
Genau deshalb sollte man Wahlergebnisse innerhalb der UN mit der notwendigen Nüchternheit betrachten. Wer aus ihnen weitreichende moralische oder politische Urteile ableiten möchte, blendet die tatsächliche Zusammensetzung der Organisation aus.
Die UN ist sicherlich das wichtigste Gremium der internationalen Gemeinschaft. Für Diplomatie und internationale Verständigung bleibt sie unverzichtbar. Gleichzeitig ist die Organisation seit Jahrzehnten reformbedürftig. Der Sicherheitsrat spiegelt noch immer die Machtverhältnisse des Jahres 1945 wider. Vetomächte blockieren Entscheidungen aus Eigeninteresse, während autoritäre Staaten regelmäßig Schlüsselpositionen in Gremien besetzen, die eigentlich dem Schutz von Menschenrechten dienen sollen.
Ein Weltparlament, auch wenn manche dies gerne behaupten, ist die UN deshalb nicht.
Sie ist ein Zusammenschluss sehr unterschiedlicher Staaten mit völlig unterschiedlichen Interessen, politischen Systemen und Wertvorstellungen. Sie bildet die Welt ab, wie sie ist – und nicht, wie viele sie gerne hätten.
Wer die deutsche Nichtwahl deshalb vorschnell als moralische Ohrfeige interpretiert, sollte zunächst beantworten, wer dieses Urteil eigentlich gefällt haben soll.
Vielleicht sagt die Nichtwahl Deutschlands am Ende weniger über Deutschland aus als über die politische und demokratische Verfasstheit der Vereinten Nationen selbst.
Und genau darüber sollte jetzt diskutiert werden. |