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Ukraine ehrt Andrij Melnyk:

Mehrere ukrainische Soldaten in dunklen Paradeuniformen tragen bei einer militärischen Zeremonie zwei braune Holzsärge über eine breite Allee des Nationalen Militärfriedhofs nahe Kyjiw. Vor den Särgen marschieren zwei Soldaten, die große Schwarzweißporträts von Andrij Melnyk und seiner Ehefrau Sofiia Fedak-Melnyk halten. Melnyk ist als älterer Mann mit kurzem grauem Haar und Anzug dargestellt, seine Ehefrau mit Brille. Die Soldaten tragen Schirmmützen, weiße Handschuhe und goldene Schulterkordeln. Im Hintergrund stehen weitere uniformierte Militärangehörige Spalier. Die Szene wirkt streng zeremoniell und staatlich inszeniert.

Copyright: X-Account von Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

Die Ukraine hat mit der Wiederbeisetzung von Andrij Melnyk auf dem Nationalen Militärfriedhof nahe Kyjiw eine politisch hochproblematische Entscheidung getroffen. Dass Präsident Wolodymyr Selenskyj persönlich an der Zeremonie teilnahm und Melnyk mit militärischen Ehren bedacht wurde, sorgt international für Irritationen – und liefert Russland zugleich neue propagandistische Angriffsflächen.

Wer war Andrij Melnyk?

Andrij Melnyk wurde 1890 geboren und gehörte zu den prägenden Figuren des ukrainischen Nationalismus im 20. Jahrhundert. Er kämpfte zunächst als Offizier der Ukrainischen Volksrepublik gegen die Bolschewiki und wurde später enger Vertrauter von Jewhen Konowalez, dem Mitbegründer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nach der Ermordung Konowalez’ durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD im Jahr 1938 übernahm Melnyk die Führung eines Teils der OUN.

Die Organisation spaltete sich später in zwei Lager: die gemäßigtere OUN-M unter Melnyk und die radikalere OUN-B unterunter Stepan Bandera. Beide Strömungen verband jedoch ein ultranationalistisches Weltbild und die Hoffnung, mithilfe Deutschlands einen unabhängigen ukrainischen Staat errichten zu können. Beide Strömungen verbreiteten antisemitische Propaganda — Angehörige beider Flügel waren zudem an antisemitischen Übergriffen beteiligt. Angehörige der OUN-B kämpften in den Bataillonen „Nachtigall“ und „Roland“ an der Seite der deutschen Wehrmacht beim Angriff auf die Sowjetunion. Zudem stellten sich OUN-M-Mitglieder als Freiwillige für die Waffen-SS-Division „Galizien“ zur Verfügung. Zuvor kämpfte die OUN bereits 1929 gegen den polnischen Staat.

Historiker verweisen seit Jahren darauf, dass Teile der OUN antisemitische Positionen vertraten und zeitweise mit dem nationalsozialistischen Deutschland kooperierten.

Melnyk selbst gilt bis heute als ambivalente Figur. In der ukrainischen Erinnerung wird er von einigen als antisowjetischer Freiheitskämpfer verehrt, insbesondere wegen seines Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft. Kritiker sehen in ihm hingegen einen Kollaborateur, dessen Bewegung eng mit den politischen und militärischen Strukturen des NS-Regimes verflochten war. Auch wenn Melnyk nicht mit den späteren Massenverbrechen der Deutschen gleichgesetzt werden kann, bleibt seine politische Rolle historisch belastet.

Wiederbestattung auf Militärfriedhof nahe Kyjiw

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Melnyk im Exil in Luxemburg. Er starb 1964 in einem Krankenhaus in Köln und wurde anschließend in Luxemburg beerdigt. Im Mai 2026 wurden seine sterblichen Überreste exhumiert und gemeinsam mit denen seiner Ehefrau Sofiia Fedak-Melnyk in die Ukraine überführt.

Die erneute Beisetzung erfolgte auf dem Nationalen Militärfriedhof nahe Kyjiw, der nach dem Vorbild des Arlington National Cemetery geschaffen wurde und vor allem für Gefallene des russischen Angriffskrieges gedacht ist.

Gerade dieser Ort macht die Entscheidung der ukrainischen Führung besonders sensibel. Die symbolische Gleichsetzung heutiger Verteidiger der Ukraine mit historischen Figuren wie Melnyk dürfte international auf Kritik stoßen. Denn unabhängig vom Kampf gegen die Sowjetunion bleibt die historische Nähe nationalistischer OUN-Strukturen zum NS-Deutschland ein schwer belastetes Kapitel.

Selenskyj spricht von „Pantheon der Helden“

Die politische Brisanz wurde zusätzlich durch Aussagen Selenskyjs verschärft. Der ukrainische Präsident beschränkte sich nicht auf eine formale Teilnahme an der Zeremonie, sondern stellte Melnyk ausdrücklich in eine Reihe „großer ukrainischer Persönlichkeiten“.

Bei X erklärte Selenskyj, Melnyk sei „in eine andere Ukraine zurückgekehrt“ – nicht in jene, die er habe verlassen müssen, sondern in die, „von der er geträumt hatte“. Weiter erklärte er: „Ich danke all jenen, die wirklich ihr Bestes tun, um sicherzustellen, dass unser ukrainisches nationales Gedächtnis ein lebendiges Gedächtnis bleibt.“

Besonders bemerkenswert war Selenskyjs Aussage, man arbeite daran, „solche Rückkehren großer ukrainischer Persönlichkeiten zu ermöglichen und dem ukrainischen Volk sein eigenes Pantheon der Helden zu geben“.

Damit geht die ukrainische Führung deutlich über eine bloße historische Erinnerung hinaus. Die Wortwahl des Präsidenten macht klar, dass Melnyk offiziell als identitätsstiftende nationale Figur geehrt werden soll. Gerade das dürfte international besonders kritisch gesehen werden, da Melnyk nicht nur als antisowjetischer Nationalist, sondern zugleich als Führungsfigur einer Bewegung gilt, die zumindest zeitweise mit NS-Deutschland kooperierte.

Kritiker dürften insbesondere die Verbindung problematisch finden, die Selenskyj zwischen historischen Nationalisten und dem heutigen Abwehrkampf gegen Russland herstellt. Denn durch die öffentliche Würdigung auf einem Militärfriedhof für Gefallene des aktuellen Krieges entsteht der Eindruck einer historischen Kontinuität ukrainischer „Heldenfiguren“ – trotz der belasteten Vergangenheit Melnyks.

Kritik aus Israel und von Yad Vashem

Kritik kam inzwischen auch aus Israel. Das israelische Außenministerium erklärte: „Wir bedauern die Entscheidung, eine offizielle staatliche Umbettungszeremonie für den OUN-Führer Andrij Melnyk abzuhalten, der mit den Nazis kollaborierte. Es darf keinen Platz dafür geben, die historische Wahrheit und das Andenken an die Opfer zu ignorieren, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet wurden.“

Damit stellte Israel die staatliche Ehrung Melnyks ausdrücklich infrage und verwies auf die Verantwortung im Umgang mit der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus.

Auch die israelische Holocaust-Gedenkstätte äußerte deutliche Kritik. In einer Stellungnahme hieß es: „Die Umbettung von Andrij Melnyk im Rahmen eines Staatsbegräbnisses in der Ukraine gibt Anlass zu großer Sorge. Die Ehrung des Anführers einer Bewegung, die Nazi-Deutschland während der Verfolgung und Ermordung von Millionen von Juden unterstützte und mit ihm kollaborierte, untergräbt die moralische Integrität, die für das Gedenken an den Holocaust unerlässlich ist. Yad Vashem ist zutiefst beunruhigt über solche nationalen Gedenkfeiern, die auf Kosten der historischen Wahrheit und des Gedenkens an die Opfer des Holocaust gehen.“

Damit fällt die Reaktion einer der wichtigsten internationalen Institutionen zur Erinnerung an den Holocaust ungewöhnlich scharf aus. Yad Vashem wirft der Ukraine indirekt vor, historische Verantwortung zugunsten nationalistischer Erinnerungspolitik zu relativieren.

Problematische Symbolik für die Ukraine

Selenskyj erklärte bei der Zeremonie dagegen, die „ukrainische Idee“ könne heute überwinden, was früher unüberwindbar schien. Aus ukrainischer Sicht mag die Wiederbestattung als Versuch verstanden werden, historische Gräben innerhalb der eigenen Nationalgeschichte zu schließen. Außenpolitisch dürfte dieser Schritt jedoch problematisch sein.

Russland nutzt seit Jahren jede Verbindung ukrainischer Nationalisten zum Nationalsozialismus propagandistisch aus, um den Angriffskrieg mit einer angeblichen „Entnazifizierung“ zu rechtfertigen. Diese Darstellung ist historisch verzerrend und dient offenkundig politischen Zwecken. Dennoch liefert die staatliche Ehrung Melnyks unnötige Bilder und Schlagzeilen, die Moskau für seine Propaganda ausschlachten kann und wird.

Vor allem aber riskiert die Ukraine damit Irritationen bei westlichen Partnern. Staaten, die Kyjiw militärisch und finanziell unterstützen, erwarten von der Ukraine eine klare demokratische und historische Abgrenzung gegenüber Figuren mit Verbindungen zum Nationalsozialismus. Die Wiederbestattung hätte auch ohne staatliche Ehren oder eine Inszenierung mit militärischer Symbolik stattfinden können. Dass daraus ein offizieller Staatsakt wurde, dürfte der Ukraine am Ende mehr schaden als nutzen.

Hinzu kommt, dass die Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskrieges zunehmend darum bemüht ist, ihre nationale Erinnerungspolitik neu zu definieren. Viele historische Persönlichkeiten, die im Kampf gegen die Sowjetunion standen, werden heute stärker rehabilitiert oder als Symbole ukrainischer Eigenstaatlichkeit hervorgehoben. Dabei geraten jedoch immer wieder auch Figuren in den Fokus, deren politische Biografien eng mit autoritären, antisemitischen oder kollaborationistischen Bewegungen verbunden waren.

Gerade darin liegt das eigentliche Problem der Melnyk-Ehrung. Es geht nicht nur um eine historische Debatte über einzelne Personen, sondern um die Frage, welche Werte ein moderner ukrainischer Staat nach außen vertreten möchte. Der Kampf der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg wird international vor allem als Verteidigung von Demokratie, Selbstbestimmung und Freiheit wahrgenommen. Die öffentliche Heroisierung historisch belasteter Nationalisten steht dazu jedoch in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis.

Die scharfen Reaktionen aus Israel und von Yad Vashem zeigen deshalb, dass die Debatte weit über die Ukraine hinausreicht. Sie berührt grundlegende Fragen historischer Verantwortung und der Erinnerungskultur in Europa.

Für die Ukraine kommt diese Diskussion zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Das Land ist stärker denn je auf internationale Solidarität angewiesen – politisch, militärisch und moralisch. Umso wichtiger wäre ein sensibler Umgang mit historischen Figuren, deren Vermächtnis bis heute schwer belastet ist. Stattdessen hat die ukrainische Führung mit der staatlichen Ehrung Andrij Melnyks eine Debatte ausgelöst, die dem eigenen internationalen Ansehen erheblich schaden könnte.

Frank Golczewski: Orhanizacija Ukraïnśkych Nacionalistiv. In: Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus – Organisationen, Institutionen, Bewegungen. De Gruyter, Berlin/Boston 2012.

Dmytro Schurchalo: Die Geschichte der OUN.

Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine. De Gruyter, Berlin 2015.

Die deutsch-ukrainischen Beziehungen im 20. Jahrhundert

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