Rotes Frage- und Ausrufezeichen auf dunklem, kreideartigem Hintergrund. Das Motiv symbolisiert Unsicherheit und Infragestellung. Darunter der Hinweis „Symbolbild“ antisemitismus-zur-kulisse

Antisemitismus ist keine rhetorische Figur. Er ist kein Schlagwort für moralische Empörung und kein Werkzeug für Selbstinszenierung. Antisemitismus ist eine jahrhundertealte, bis heute tödliche Ideologie. Wer ihn instrumentalisiert, verharmlost ihn. Wer ihn erfindet, beschädigt seine Glaubwürdigkeit. Und wer ihn bewusst fälscht, beteiligt sich – ob gewollt oder nicht – an genau jenem antisemitischen System, das er vermeintlich anklagt.

Antisemitismus ist keine Metapher

In einer Zeit, in der jüdisches Leben in Deutschland wieder verstärkt unter Schutz gestellt werden muss, in der Synagogen bewacht werden und antisemitische Straftaten auf Rekordniveau liegen, ist jede bewusst falsche Anschuldigung kein Kavaliersdelikt. Sie ist ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit realer Betroffener. Sie trifft nicht nur Einzelne, sondern eine ohnehin vulnerable Minderheit als Kollektiv. Dabei kommt ein Aspekt hinzu, der in Debatten häufig ausgeblendet wird: Jüdinnen und Juden wachsen mit dem Wissen auf, welchen Schaden falsche Vorwürfe anrichten. Nicht abstrakt, sondern konkret. Die Geschichte des Antisemitismus ist zugleich eine Geschichte erfundener Anschuldigungen – Ritualmordlegenden, Brunnenvergiftungsmythen, Verschwörungserzählungen. Über Jahrhunderte hinweg führten solche Lügen zu Pogromen, Vertreibungen und Massenmorden.

Dieses historische Gedächtnis ist keine ferne Vergangenheit. Es wirkt fort. Es prägt Familiengeschichten, kollektive Erinnerung, Sicherheitsbedürfnisse und politische Sensibilitäten. Wer heute einen Antisemitismusvorwurf erfindet, knüpft – bewusst oder unbewusst – an genau diese Tradition der Lüge an. Viele Jüdinnen und Juden wissen zudem, dass ihre Erfahrungen mit Antisemitismus oft relativiert, kleingeredet oder in Zweifel gezogen werden. Sie wissen, wie hoch die Hürde ist, überhaupt ernst genommen zu werden. Und sie wissen, dass jede belegte Fälschung diese Hürde weiter erhöht. Antisemitismus ist kein abstrakter Vorwurf. Er ist eine konkrete Erfahrung: Beschimpfung, Ausgrenzung, Bedrohung, Gewalt. Jüdinnen und Juden müssen Antisemitismus nicht „lernen“, um ihn zu erkennen – sie leben mit seinen historischen und gegenwärtigen Folgen. Wer diese Erfahrung simuliert, benutzt jüdisches Leid als Requisite.

Der Fall Gil Ofarim und seine gesellschaftliche Wirkung

Ein prominentes Beispiel ist der Fall Gil Ofarim. Der Musiker erhob öffentlich schwere Antisemitismusvorwürfe gegen einen Hotelmitarbeiter, die sich später als nicht haltbar erwiesen. Das Ergebnis war kein persönlicher Skandal allein. Das Ergebnis war ein medialer und gesellschaftlicher Flächenbrand.

Antisemitische Akteure nutzten den Fall, um pauschal zu behaupten, Antisemitismus werde systematisch erfunden. Rechte Plattformen stilisierten Ofarim zum „Beweis“ dafür, dass Juden oder jüdische Personen Vorwürfe missbrauchten. Der eigentliche Skandal – der reale Antisemitismus, den Jüdinnen und Juden täglich erleben – geriet in den Hintergrund.

Medienlogik und die Verzerrung von Realität

Hier zeigt sich ein strukturelles Problem der Aufmerksamkeitsökonomie: Skandale, die sich zuspitzen lassen, verbreiten sich schneller als differenzierte Aufarbeitung. Der entlarvte Fake wird zur Schlagzeile. Die millionenfachen realen Vorfälle bleiben abstrakt. Das verzerrt Wahrnehmung – und schafft damit bei einem gesellschaftlichen Thema auch verzerrte Realität. Auch wenn belegte Fälschungen selten sind, entfalten sie eine überproportionale Wirkung. Gerade weil sie medial hochskandalisiert werden, prägen sie Debatten stärker als die alltäglichen, tausendfach dokumentierten Fälle realen Antisemitismus.

Der Schaden ist real und messbar. Beratungsstellen berichten seit Jahren, dass Betroffene häufig zögern, Vorfälle zu melden, weil sie Angst haben, nicht ernst genommen zu werden. Falschvorwürfe verstärken genau diese Angst. Sie produzieren ein Klima, in dem Schweigen rational erscheint. Das ist der Kern des Problems: Das bewusste Faken eines Antisemitismusvorwurfs verwandelt reales Leid in ein narratives Werkzeug. Es macht Antisemitismus zu einer Bühne, auf der sich die eigene Opferrolle inszenieren lässt. Damit wird jüdische Geschichte nicht geschützt, sondern funktionalisiert.

Besonders perfide ist die strukturelle Wirkung solcher Fälschungen. Antisemiten behaupten seit jeher, Juden würden Vorwürfe instrumentalisieren, um sich Vorteile zu verschaffen oder Kritik zu unterdrücken. Jeder nachgewiesene Fake-Vorwurf dient dieser Erzählung als scheinbarer Beleg. Der Schaden ist kollektiv. Reale Betroffene müssen künftig mit größerem Misstrauen rechnen. Zeugenaussagen werden härter hinterfragt. Solidarität wird vorsichtiger, zögerlicher, brüchiger. Wer Antisemitismus erfindet, sorgt dafür, dass echter Antisemitismus leichter relativiert werden kann.

An dieser Stelle ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Nicht jede falsche Einschätzung ist eine Fälschung. Menschen können sich irren. Wahrnehmungen können subjektiv sein. Verletzungen können aus Missverständnissen entstehen. Antisemitismus ist oft subtil, codiert und mehrdeutig.

Wann eine Handlung antisemitisch wirkt

Doch ein bewusster Fake ist etwas anderes. Er setzt Vorsatz voraus. Die Entscheidung, eine Lüge zu erzählen. Die Entscheidung, Antisemitismus als Ressource zu benutzen. Genau hier liegt der Punkt, an dem die Handlung selbst antisemitische Qualität annimmt. Nicht zwingend im ideologischen Sinne. Aber im strukturellen und funktionalen Sinne.

Antisemitismus definiert sich nicht nur über Weltbilder, sondern auch über Wirkungen. Wenn eine Handlung antisemitische Narrative stärkt, jüdisches Leid entwertet und jüdische Sicherheit untergräbt, dann ist sie Teil des Problems – unabhängig von der inneren Motivation. Nicht jede problematische Handlung ist antisemitisch. Aber eine Handlung wird es dann, wenn sie antisemitische Deutungsmuster reproduziert und verstärkt.

Wer Antisemitismus fälscht, stellt sich nicht auf die Seite der Betroffenen, sondern stellt sich über sie und nutzt die Geschichte, um sich selbst zu erhöhen. Er spricht nicht für Jüdinnen und Juden – er spricht auf ihre Kosten.

Wahrhaftigkeit ist der wichtigste Verbündete im Kampf gegen Antisemitismus.

Deshalb muss klar gesagt werden: Das bewusste Faken eines antisemitischen Vorfalls ist keine bloße Lüge. Es ist eine Form der Instrumentalisierung jüdischer Erfahrung. Und diese Instrumentalisierung ist, in ihrer Wirkung und Struktur, antisemitisch.

Hilfsangebote bei Antisemitismus:
Meldung von antisemitischen Vorfällen bei RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus). Beratung und Unterstützung findest du für das jeweilige Bundesland beim Bundesverband der Beratungsstellen für Betroffene antisemitischer Gewalt.

Weitere Informationen zum Thema, sowie juristische Einschätzungen findet ihr auf dem YouTube-Kanal von Christian Solmecke und bei den Kollegen von LTO (Legal Tribune Online, kurz LTO, ist ein deutsches Online-Magazin für Juristinnen und Juristen. Es berichtet über aktuelle Rechtsprechung, Gesetzgebung, juristische Debatten sowie gesellschaftlich relevante Themen aus rechtlicher Perspektive und verbindet Nachrichten mit Hintergrundanalysen, Kommentaren und Fachbeiträgen). Beim Anwalt Alexander Boos finden sich zudem einige Aussagen von Ofraim selbst, sowie die juristische Einschätzung von Boos.

Was sind gefälschte Antisemitismusvorwürfe?

Gefälschte Antisemitismusvorwürfe sind bewusst erhobene Anschuldigungen, die keinen realen antisemitischen Vorfall abbilden. Sie unterscheiden sich klar von Irrtümern oder subjektiven Fehlwahrnehmungen, da sie vorsätzlich konstruiert werden.

Warum schaden falsche Antisemitismusvorwürfe realen Betroffenen?

Sie untergraben die Glaubwürdigkeit jener, die tatsächlich antisemitische Diskriminierung, Bedrohung oder Gewalt erleben. Jeder nachgewiesene Fake verstärkt Misstrauen gegenüber Betroffenen und erhöht die Hemmschwelle, reale Vorfälle zu melden.

Sind falsche Vorwürfe selbst antisemitisch?

Nicht jede falsche Einschätzung ist antisemitisch. Bewusste Fälschungen können jedoch antisemitische Wirkung entfalten, weil sie bestehende antisemitische Narrative bestätigen, jüdisches Leid instrumentalisieren und strukturell zur Relativierung realen Antisemitismus beitragen.

Warum werden Einzelfälle medial so stark wahrgenommen?

Falsche Antisemitismusvorwürfe erzeugen Skandalpotenzial und lassen sich leicht zuspitzen. In der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie erhalten sie oft mehr mediale Präsenz als die Vielzahl dokumentierter realer antisemitischer Vorfälle.

Welche Rolle spielt die Geschichte des Antisemitismus dabei?

Antisemitismus ist historisch eng mit erfundenen Anschuldigungen verbunden – von Ritualmordlegenden bis zu Verschwörungsmythen. Bewusste Falschvorwürfe knüpfen strukturell an diese Tradition der Lüge an und reaktivieren kollektive Ängste und Erfahrungen.

Von Steven Oberstein

Steven Oberstein oder auch besser bekannt unter dem Pseudonym OBIausHV ist freier Journalist und beschäftigt sich in letzter Zeit vor allem mit der Corona-Pandemie, ansonsten schreibt er über folgende Themen: Medienkritik, Gesundheit/Medizin (Coronavirus, Anthroposophie, Homöopathie), Politik und Technik.

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